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Wie das gelbe X ins Rheinland kam

Gelbe xe sind xe und keine Kreuze, die meist für eine eher christliche Symbolik stehen und auch mit Tod, Friedhof und Leiden assoziiert werden.
Die gelben xe kommen aus dem Wendland. Dort wurden sie im Rahmen des Widerstandes gegen die Atomkraft zu einem „Symbol des Lebendigen“. In den 1980ger Jahren rückte das x in Kombination mit dem „Tag x“ ins Bewusstsein der Menschen.
1985 zierte ein großes gelbes X das Plakat zur Protestaktion gegen den ersten Atommülltransport in das Zwischenlager Gorleben im Wendland. Es trug die Aufschrift „Verhindert die Atommülltransporte ins Wendland“. Dieses erste „Tag X“ – Plakat wurde mit dem Hinweis der Vermutung auf eine „terroristische Vereinigung“ von der Staatsanwaltschaft mit dem Hinweis es sei ein „Aufruf zu Strafftaten“ beschlagnahmt. Polizeiliche Ermittlungen wurden eingeleitet.
Als der Aktionskünstler Joseph Beuys davon erfuhr, signierte er das Plakat mit der Aufschrift

„Menschengemäße Kunst muss
1. die Zerstörung des Menschengemäßen verhindern,
2. das Menschengemäße aufbauen
Nur das ist Kunst und sonst gar nichts.“

Mit dieser Umgestaltung wandte er sich gegen die Kriminalisierung des Widerstandes und machte das Plakat zu einem Kunstwerk.
Die anschließende juristische Auseinandersetzung, während der auch gegen den Künstler ermittelt wurde, war nicht nur öffentlichkeitswirksam, sondern endete auch mit einem Erfolg für den Widerstand. Daraufhin wurde das zum Kunstwerk gewordene Plakat mit der zusätzlichen Aufschrift „Jetzt erst recht!“ versehen und als Mobilisierungsplakat für den 25. Oktober 1985, den Tag, an dem das Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll in Gorleben in Betrieb genommen wurde, vielfältig verteilt. Die Mobilisierung wurde bis zum Eintreffen des ersten Castor-Transportes aufrechterhalten.
Noch heute begegnet man im Wendland auf Schritt und Tritt dem gelben x.
Der Tag x ist immer mit Aussagen verbunden wie „Wir stellen und quer“ oder „Wir machen den Weg nicht frei“. Das gelbe x wurde damit zum Ausdruck eines kreativen und entschlossenen Widerstandes. Ein Blick in Fotoarchive zeigt, wie das eigentlich eher schlichte Symbol durch viel Kreativität und Phantasie immer wieder in verschiedene Zusammenhängen und Variationen auftauchte.
Die Autor*innen Ingrid und Werner Lowin haben sich in ihrem Bildband1 auf die Spuren des geben x im Wendland begeben. Es steht in vielen Vorgärten, prangt an Häusern, baumelt an den Autorückspiegeln von Atomkraftgegnern und ist bei der jährlich stattfindenden „kulturellen Landpartie“ in „phantasievollen Formen, Materialien und Farbgebungen“ zu entdecken. Die beiden kommen zu dem Schluss, dass das gelbe x zur „Ästhetik des Alltags“ gehöre, zu einem „Lebensgefühl“ und einer „Lebenseinstellung“ geworden sei. Ihre reich bebilderte Spurensuche führe „gleichzeitig auf die Spuren eines in der Bundesrepublik Deutschland bisher einmaligen Widerstandes, auf die Spuren seiner Phantasie, seiner Entschlossenheit, seiner Gewaltfreiheit und vor allem auch seines langen Atems.“

Das gelbe x ziert sogar die Verpackung von Bio-Kinder-Keksen2. Unter dem link „Castor-Rebellen“ können die Kinder sich dann informieren über die Bedeutung des gelben x.
Ich entdeckte gelbe xe in Zusammenhang mit der Braunkohleförderung das erste Mal in der Lausitz. Ich war damals überrascht, wie verbreitet das Symbol dort war und in Dörfern und an Häusern als Zeichen des Widerstandes genutzt wurde. In den bedrohten Dörfern des Rheinlandes suchte man solche Symbole, einmal abgesehen von den roten „Stopp Rheinbraun“ Schildern, vergeblich.
Allerdings tauchten sie dann in Form von schwarzen xen auf gelben Bändern und Plakaten zur Mobilisierung zur Anti-Kohle-Kette im August 2014 in der Lausitz und zur Anti-Kohle-Menschenkette im April 2015 am Tagebau Garzweiler im Rheinland auf.
Beim Klimacamp 2016 in Lützerath bot der Künstler Todde Kemmerich3 einen workshop zur Gestaltung von gelben xen an. Gemeinsam wurden dort 16 gelbe Kreuze gestaltet und unter Polizeibegleitung in die betroffenen Dörfer im Rheinland gebracht.
Er versah die Kreuze mit einem Hinweiszettel, der folgende Aufschrift trug:
„Diese gelbe xe symbolisieren die Solidarität der globalen Klimabewegung mit allen, die zwangsenteignet werden sollen.
Diese Zeichen mögen euch Mut und Hoffnung geben für einen Zeit in der sich die Braunkohleverstromung erledigt hat.
Wir rufen auf zum Widerstand gegen die Tagebaue im Rheinischen Revier.
RESPECT EXISTENCE OR EXPECT RESISTANCE!“
Der Widerstand gegen die Kohleförderung und –Verstromung hat seit der Aufstellung der ersten gelben xe im Rheinland stark zugenommen. Die Erfolgsgeschichte um #Hambibleibt hat vielen Menschen Mut gemacht sich gegen die Zerstörung von Natur, Kulturdenkmälern und Dörfern zu stellen. Ende 2018 gründete sich die Bewegung „Alle Dörfer bleiben“4, deren Logo neben einem Kirchturm auch ein gelbes x trägt. Die Farbe gelb dominiert viele Aktionen und das gelbe x ist nicht mehr aus dem Widerstand gegen die Braunkohle im Rheinland wegzudenken. Anwohner*innen und Unterstützer*innen haben kleine gelbe Kreuze als Anstecknadeln bzw. Broschen gestaltet und gestrickte oder genähte Stulpen bedecken die Arme von Aktivist*innen, die diese trotzig und widerständig zum gelben x überkreuzen.

1 „Auf den Spuren des gelben x – nix mit Gorleben“, Fotos, Gestaltung und Text : Ingrid und Werner Lowin, Herausgeber: Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg
https://www.bi-luechow-dannenberg.de/produkt/fotobuch-auf-den-spuren-des-x/
2 https://bohlsener-muehle.de/was-uns-antreibt/weil-bio-mehr-kann/castor-rebellen
3 http://www.experimentellerrand.de/
4 https://www.alle-doerfer-bleiben.de