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Unser gemeinsames Haus

Es war im September 2020, als wir uns an der Kirche in Manheim getroffen
haben, um innezuhalten und inmitten der Verwüstung zu Füßen des dem
Abriss geweihten Gemeindehauses an die gedacht haben, für die die
Klimakrise heute schon Alltag und Realität ist. Vielleicht war es
Zufall, vielleicht auch nicht, dass es Frauen waren, die an diesem Tag
eindrucksvoll ihre Stimme erhoben haben. Eine von ihnen war Anika
Schröder; dies waren ihre Worte:

Vor knapp drei Jahren stand Genevieve Jiva vom Pacific Island Climate
Action Network (PICAN) hier und auf dem Indemann. Sie war überwältigt,
erzählte sie mir. In Deutschland verlieren Menschen ihre Heimat für die
Kohle. „Die Verbrennung derselben kostet unsere Heimat, weil sie den
Meeresspiegelanstieg ansteigen lässt. Ins Loch passen viele bewohnte
pazifische Inseln.“ Sie meinte die nur wenige Zehntel cm aus dem Meer
ragenden Atoll-Inseln. „Alle reden in den internationalen Verhandlungen
über die nötige Anerkennung als Klimaflüchtlinge oder
Entschädigungszahlungen. Aber wir wollen schlicht nicht gehen.“
Ich arbeite bei MISEREOR. MISEREOR, das Hilfswerk der katholischen
Kirche in Deutschland. Wir unterstützen von Aachen aus über 2000
Projekte in rund 100 Ländern unserer Erde. Kirchlich, wie
nicht-kirchlich – und natürlich unabhängig von Herkunft und Religion.
Keines der Projekte, das nicht betroffen wäre von der Klimakrise — sie
befördert Katastrophen, die aus aller Welt täglich auf meinem
Schreibtisch landen. Da sind die leisen: Dürren, Schädlinge,
Überschwemmungen und von Moskito übertragbare Krankheiten wie Malaria.
Und da sind die lauten: Wie die Intensität von Wirbelstürmen und
Starkniederschlägen.
Sie alle treffen besonders die in Armut lebenden dieser Welt. Denn wer
arm ist lebt an überschwemmungsgefährdeten Flussufern und
abrutschgefährdeten Hängen, in zusammen gezimmerten Behausungen. Hat
kein Sparbuch und keine Versicherung. Keine Vorräte an Essen oder
Saatgut fürs nächste Jahr. Zu allem Überfluss schließen
Katastrophenschutz und Nothilfestrategien die Ärmsten selten mit ein.
Die Erderhitzung droht hunderte von Millionen Menschen aus der Heimat zu
vertreiben.Das ist Grund zur Resignation und Ansporn zugleich. Was
motiviert, sind Begegnungen wie die mit Genevieve. Und andere..
Ich denke daher hier und heute mit Bewunderung an die Menschen mit
vielen erstaunlichen kreativen Lösungen, wie KleinbäuerInnen in den
tiefliegenden Deltas Bangladeschs, die ihre Felder auf schwimmende
Geflechte aus Schilfgras verlegen, Enten statt Hühner züchten – (die
können nämlich schwimmen), die Salzwassertolerante Reissorten selber
züchten oder Jene Frauen, die es schaffen, frisches Trinkwasser
einzuklagen, weil ihr Grundwasser durch Meeresspiegelanstieg versalzt
und infolge immer mehr Säuglinge verstorben sind. Derlei Ansätze kommen
aber selbst bei der besten Förderung durch uns und andere Organisationen
und staatlichem Engagement an die Grenzen, wenn die Erderhitzung die
Grenzmarke von 1,5°C gegenüber vorindustriellem Niveau sprengt und auf
3-5°C bis Ende des Jahrhunderts ansteigt.
Ich denke daher hier heute mit Demut und Dankbarkeit an all die
Menschen, die sich für den Erhalt der Lebensgrundlagen für heutige und
zukünftige Generationen einsetzen. Hier an der Abbruchkante wie in
Brasilien, wo KleinbäuerInnen und Indigene – viel zu oft unter Einsatz
ihres Lebens – illegalen Goldsuchern, den Soja- und Viehbaronen die
Stirn bieten. 211 Menschen ließen dieses Jahr ihr Leben im Einsatz für
unseren Planeten – unser gemeinsames Haus.
Ich denke daher hier an der Kirche, die mit kirchlichem Segen dem Abriss
geweiht ist, auch an jene Priester und Bischöfe, die in
Entwicklungsländern mutig der Agrar- und Rohstoffindustrie die Stirn
bieten und sich offen mit Umweltschützern und Indigenen solidarisieren.
Etwa an Bischof Kräutler, den ich letztes Jahr erleben durfte. Der fern
jedweder Bestrebung, die Menschen zum eigenen Glauben bekehren zu wollen
an der Seite der Indigenen steht und selbst nur noch unter Polizeischutz
seinen gesicherten Bischofssitz verlassen kann.
Dom Erwin hat maßgeblich das vor 5 Jahren erschienen päpstliche
Lehrschreiben „Laudato Si“ aber auch das weniger beachtete aber doch
ebenso reiche Lehrschreiben „Geliebtes Amazonien“ mitgeprägt. Diese
Enzykliken sehen die Pflicht der Kirche, der Christen und bei allen
Menschen guten Willens, sich an die Seite der Armen und Arm gemachten,
der Mitwelt und der Schöpfung zu stellen. Sie fordern den schnellen
Ausstieg aus den Fossilen Rohstoffen und den Schutz der Wälder und
Moore, die Wiederaufforstung und die Abkehr vom Wachstumsparadigma und
eine Umkehr zum Leben.
Ich denke also hier und heute an all die Menschen, die mich hier
inspirieren und anspornen dran zu bleiben. Danke, dass auch ihr hier Mut
macht. Damit alle Dörfer – und Städte – bleiben. Weltweit!