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„Wald und alle Dörfer bleiben!“ Manuskript meiner Rede in Immerath zum Soli-Schweif beim Sternmarsch nach Keyenberg am 23.3.

Manuskript meiner Rede auf der Auftakt-Kundgebung des Solidaritäts-Sternschweifes „Wald und alle Dörfer bleiben“ in Immerath am 23.03.2019 um 14 Uhr anlässlich des Sternmarsches von „Alle Dörfer Bleiben“ nach Keyenberg

Vorbemerkung: Angesichts der Zerstörung hier in Immerath ist dies ein Ort des Innehaltens. So werde ich in meiner Rede eher besinnliche und ruhigere Töne anschlagen.

Wald und alle Dörfer bleiben!

Unter diesem Motto haben wir uns heute hier als Soli-Sternenschweif des Sternmarsches getroffen um gemeinsam und solidarisch nach Keyenberg zu marschieren.

Ich begrüße euch recht herzlich, und heiße euch willkommen: als „Hambachfrau“, aber auch im Namen der Initiative Buirer für Buir. Schön, dass ihr alle da seid!

Danke insbesondere auch an die, die seit Monaten diesen Sternmarsch organisiert und geplant haben, und auch an diejenigen, die recht kurzfristig diesen Solidaritätsschweif vorbereitet haben.

Vielleicht fragt sich der oder die ein oder andere*r: Warum braucht es einen zusätzlichen Solidaritätsschweif aus Richtung des Hambacher Waldes, der hier in Immerath startet?

Dass wir als eine Gruppe Betroffener vom Tagebau Hambach starten, als Menschen, die sich seit Jahren und Jahrzehnten für den Erhalt der Lebensqualität am Tagebau Hambach einsetzen, die sich für den Erhalt des Hambacher Waldes einsetzen, hat vor allem einen Grund.

Das ist die unsägliche „Wald oder Dörfer“-Rhetorik, mit der Politiker, leider bis hin zum Ministerpräsidenten Armin Laschet höchstpersönlich, seit dem Ende der Kohlekommission versuchen, die Menschen an den Tagebauen Hambach und Garzweiler gegeneinander auszuspielen oder aufzuhetzen.

Politiker, die das Wohl der Menschen im Blick haben sollten, die sorgen sich eher um das Wohle des großen Kohlekonzerns RWE, der hier in NRW auf übelste Art und Weise seine Macht demonstriert und von der Landesregierung nicht in seine Schranken gewiesen wird. Weder, was seine Vorgehensweise am Hambacher Wald in den vergangenen Jahren angeht, noch, was den Umgang mit intakten dörflichen Strukturen und den Menschen, die dort leben, angeht.

Spalten statt gestalten, das scheint das Motto der Landesregierung zu sein!

Natürlich hadere auch ich damit, dass wir es in der Kohlekommission nicht geschafft haben ganz klar zu verschriftlichen und zu empfehlen, dass kein weiteres Dorf mehr devastiert werden darf, dass Menschen nicht mehr zwangsumgesiedelt werden dürfen.

Im Abschlussbericht steht:

„Die Kommission hält es für wünschenswert, dass der Hambacher Forst erhalten bleibt. Darüber hinaus bittet die Kommission die Landesregierungen, mit den Betroffenen vor Ort in einen Dialog um die Umsiedlungen zu treten, um soziale und wirtschaftliche Härten zu vermeiden.“

Also: über den Erhalt des Waldes hinaus soll ein Dialog geführt werden. Da steht nicht: der Wald bleibt erhalten, also müssen die Dörfer zerstört werden. Da steht auch nicht, wie es Herr Schmitz, RWE Vorstandsvorsitzender, Ende Januar gesagt hat „Was die Umsiedlungen betrifft, bin ich für die Klarheit im Kommissionsbericht dankbar. Denn es wird ganz eindeutig ersichtlich, dass die bereits in Umsetzung befindlichen Umsiedlungen weiter fortgeführt werden sollen. Ganz unabhängig von der Notwendigkeit der Umsiedlung wäre den Menschen vor Ort auch nichts anderes zuzumuten, sagt der RWE-Chef.“

https://www.presseportal.de/pm/30621/4177090

Diese Aussage reiht sich ganz passend ein in die fake news, die vom Konzern seit Jahren verbreitet werden – und fake news ist noch die feine Bezeichnung für die Falschaussagen des Kohlekonzerns RWE.

Und Herr Schmitz, den Menschen ist nicht zuzumuten ihre Heimat zu zerstören und sie aus ihrem Zuhause zu vertreiben für Kohle, die dem Allgemeinwohl doch schon lange nicht mehr dienlich ist, und mit Blick auf die Kollateral, Umwelt- und Klimaschäden auch nie war.

Während die Kommission einen Kompromiss gefunden hat, macht RWE kompromisslos weiter. Zerstört ohne Not unser Nachbardorf Manheim, das bleibt, weil der Hambacher Wald bleibt. Auch dort leben noch Menschen und dort steht die Kirche St. Albanus und Leonardus, laut eigener Aussagen der katholischen Kirche zu einem Firmvorbereitungsprojekt: Ich zitiere: „ Die schönste Kirche im Seelsorgebereich. Klein, aber fein. Eine Kirche, die viele Generationen von Gläubigen durchs Leben begleitet hat. Diese Kirche muss dem Tagebau weichen. “ Nein, muss sie nicht, lieber Kirchenvorstand und liebes Erz-Bistum Köln! Setzen Sie sich für den Erhalt dieser Kirche ein, Herr Erzbischof Woelki! Helfen Sie mit, „Die Kirchen im Dorf zu lassen“.

Ja, im Kommissionsbericht steht auch nicht, dass es keine weiteren Umsiedlungen mehr geben darf, was auch herausfordernd wäre, weil es auch Menschen gibt, die sich nach Jahren des Bangens und Hoffens für eine Umsiedlung entscheiden haben. Ebenso wenig steht dort aber auch, dass Umsiedlungen weiter geführt werden müssen.

Und eines, liebe Mitstreiter*innen und Mitstreiter, ist doch klar: den Dialog mit Betroffenen aufnehmen um soziale und wirtschaftliche Härten zu vermeiden, das kann doch nur eines heißen: Umsiedlungsstopp für alle, die nicht umsiedeln wollen oder können.

Insbesondere auch vor dem Hintergrund des Kohleausstieges, den 3,1 GW Braunkohle-Kraftwerkskapazitätenreduzierungen bis 2022 in NRW und stetig weiter bis 2030, und darüber hinaus bis zum Enddatum.

Was machen Umsiedlungen mit vielen Menschen? Sie rauben die Wurzeln, die Lebensqualität, die Unbeschwertheit, denn mindestens 30 Jahre, so hat es Birgit Cichy aus Wanlo einmal gesagt, beschäftigt die Betroffenen die Umsiedlung: sie stehen Morgens mit dem Gedanken an RWE auf, gehen Abends damit ins Bett, und Nachts plagen sie Alpträume.

Die ersten 10 Jahre, in denen Sie wissen: in 10 Jahren beginnt die Umsiedlung: investiere ich noch in mein Haus? Orientiere ich mich schon um? Was ist bis dahin? Soll ich die Mietwohnung schon zeitig vorher verlassen und mir an einem anderen Ort etwas Neues suchen?

Dann die 10 Jahre der belastenden Umsiedlungsphase. Die Dorfgemeinschaft bricht nach und nach auseinander; Verhandlungen mit RWE, Auseinandersetzungen mit Gutachtern, mit Rechtsanwälten; Schule, Kindergarten und die Bäckerei schließen; Pumpen schießen im und um das Dorf herum wie Pilze aus dem Boden: Lärm, Licht, Erschütterungen, Dreck, Baufahrzeuge;

Auseinandersetzungen und Stress mit den Nachbarn: wieso hat der sein Wunschbaugrundstück am neuen Ort bekommen und ich nicht?

Der Stress mit dem Neubau! Wieso kann ich nicht einfach meinen Ruhestand in meinem schönen Häuschen genießen, was mir seit Jahrzehnten Geborgenheit gab? Ich will meinen Garten genießen, den ich jahrzehntelang gepflegt und gehegt habe, weiterhin Walnüsse aufsammeln, Äpfel ernten, will meine Hortensien, Magnolien und die Buchsbaumhecken nicht eintauschen gegen einen naturfernen klinisch reinen neuen Mini Garten aus grauen Steinchen und Unkrautfolie…

Oma sagt: sie will nicht weg, sie will bleiben. Sie will hier sterben.

Unfassbar, die Pfarrgemeinde und das Bistum haben schon die Kirche verkauft, bald wird sie entweiht. Das Nachbarhaus steht schon leer; heruntergezogene Rolladen, Container bestimmen das Ortsbild, die grauen Särge werden mehr; nächste Woche finden die Umbettungen statt.

Was wird aus mir? Wenn ich hier weg muss, dann kann ich die Pferde nicht mitnehmen, sagt RWE: Ist doch nur ein Hobby, sie sind doch sowieso zu alt dafür, in ein paar Jahren schaffen sie das doch sowieso alles nicht mehr.

Wo sollen wir hin mit unserer 12köpfigen Dreigenerationenfamilie?

Noch spielen die Kinder im riesigen Innenhof unseres typisch rheinischen denkmalgeschützten Vierkanthofes. Ihre Pferde stehen hinterm Hof auf der Weide, die Scheune dient als Reithalle; die großen Hunde; Trampolin und Schwimmbecken im Hof; die schönen alten Möbel in der guten Stube, seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Die könnten wir nicht mitnehmen, passen in keinen Neubau! 8.000 qm Grundstück heute! Platz satt! RWE bietet: 1.000 qm!

Nein, ein neues Grundstück mit Reithalle bekommen Sie am neuen Ort nicht, sagt RWE. Als Reitlehrerin werde ich nicht mehr arbeiten können, aber was soll ich tun, bin doch erst dreißig! Ich gehe zum Arbeitsamt, lasse mich umschulen. Doppelbelastung, denn der Reitbetrieb muss weiter gehen. OB RWE Mitarbeiter auch schon beim Arbeitsamt waren und sich um ihre Zukunft gekümmert haben?

Am neuen Ort: 10 Jahre des Eingewöhnens! Neid! Wieso hat Familie Schmitz sich so ein Schloss bauen können? Warum haben alle ihre Grundstücke so mannshoch eingezäunt? Wo ist die schöne Allee, die einst zum Dorf führte? Die alte Kirche, die schon von weitem signalisierte: hier ist dein Zuhause! Die Brötchen vom Bäcker fehlen beim Sonntagsfrühstück – kein Ersatz sind die vom Discounter aus dem Backautomaten! Hühnereier vom Nachbarhof? Fehlanzeige: Landwirtschaft, das geht nicht am neuen Ort! Hat RWE gesagt! Und überhaupt, wo sind die Menschen, mit denen ich jahrzehntelang zusammengelebt habe? Nur 40 Prozent sind mit umgezogen. Von wegen, Dorfgemeinschaften können zusammenbleiben. Die hat RWE durch sein Vorgehen, seine Machenschaften, längst entzweit.

Dorfgemeinschaft adé! Sozialverträglichkeit adé!

Da mutet es dreist und frech an, dass RWE in den regionalen Zeitungen und Werbeblättern nun halbseitige Anzeigen schaltet, die suggerieren sollen, dass die überwiegende Mehrheit umsiedeln will. Ferner wird der Eindruck erweckt, nur weil von einem Stopp der Umsiedlungen im Kommissionsbericht nicht die Rede sei, könnten sie fortgesetzt werden.

http://epaper.sonntags-post.de/book/read/id/0002A08CB6D545C7 Seite 7

Das alles zeigt sehr deutlich: der Braunkohletagbau raubt den Menschen ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft.

Das empfinden auch Menschen am Grubenrand so, Menschen, z.B. aus Buir, die den Hambacher Wald lieben:

José Nonn aus Buir, wo er seit 60 Jahren lebt, schrieb am 1. Dezember 2017 an Herrn Laschet:

„Ich möchte Ihnen kurz meine Betroffenheit erklären: Der Hambacher Forst war für mich neben dem Fußballplatz die Spielwiese meiner Kindheit/Jugend (verstecken spielen, Büdchen bauen, Maiglöckchen pflücken und mit dem Verkauf das Taschengeld aufbessern, einfach nur rumhängen und mit den Freunden „palavern“, einfach nur rumsitzen und auf die Geräusche des Waldes/Tiere hören …. und und und ….). Zudem nahm ich damals als Kind schon freudig zur Kenntnis, dass auch unsere Rentner den Wald sehr stark nutzen um sich dort zu treffen. Schon damals war mir klar: das mache ich auch, wenn ich so alt bin und ich hatte damals auch schon (wenn auch kindliche) Vorstellungen, was ich im Wald als „Opa“ alles machen werde. Dies wird mir alles geraubt. Ich fühle mich so, als wäre mir ein Teil meiner Seele aus dem Leibe gerissen!“

Und deshalb sind wir heute auch hier, weil es Zeit wird mit all dem Leid, dass die Kohle und die Klimakatastrophe über die Natur und die Menschen bringt, hier und weltweit, endlich Schluss zu machen.

Wir sind solidarisch und stehen zusammen: mit allen Betroffenen!

Wald und Dörfer brauchen Ruhe!

Und wir sagen laut und deutlich: Wald und alle Dörfer bleiben!

Und: Alle Dörfer Bleiben lebenswert: hier und weltweit!

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